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August 2018

Lifestyle

warum ein Handchirurg lebenslang seine Geburtstagstorte bekommt

9. August 2018

 

Wir haben einen Deal, der Chef meiner Lieblingskrankenschwester  und ich. Er versucht mir zu helfen etwas Beweglichkeit in die rechte Hand zu bekommen, dafür backe ich ihm lebenslang seinen Geburtstagskuchen.

 

Der Chef meiner Lieblingskrankenschwester bekommt lebenslang seinen Geburtstagskuchen – oder warum ich einarmige Backditin genannt werde

Die erste Begegnung im Januar 2015, mit dem Handchirurgen war sehr kurz. Verschämt zeigte ich meinen (vermeintlich entzündeten) Mittelfinger und bat um etwas Zugsalbe…. nicht mal eine Minute später hatte ich zwei Betäubungsspritzen  in der Hand und lag in einem KrankenhausBett vor dem OP.

Die erste OP war dann auch die lustigste meines Lebens.  OP Erfahrungen  hatte ich reichlich, zu viel eigentlich, weswegen ich gar nicht mehr zum Arzt wollte und mit so einer Bagatellverletzung wie seinerzeit schon mal gar nicht. Wegen einem Mini Splitter im Finger geht frau doch nicht zum Arzt, war meine Devise. Wären nicht zufällig Siggi und Klaus aus Berlin zu Besuch gewesen und hätten mich gezwungen, an dem Tag zum Handchirurgen zu gehen… wäre ich vielleicht nicht mehr da. 

Kuchenplaudereien im OP 

Irgendwas von beginnender V-Phlegmone, sagte Herr Doktor  zu seiner Krankenschwester und ließ sich das Skalpell reichen. Da lag ich nun in einem OP mit Panorama Blick, hatte das Wort noch nie gehört, fand es auch nicht wichtig. Hatte ich doch nur so ein klitzekleineres Pünktchen am Finger, was sich etwas entzündet hatte…… den roten Streifen in der Hand verschweige ich hier mal….

Herr Doktor und ich klönnten übers Leben allgemein, darüber das Männer und Frauen nicht zusammen passten, über Kunst, Malerei  und: über 

kreatives Kuchen backen und dekorieren.

Er selbst hatte schon zu Studienzeiten u.a. ein großes Schiff aus Biskuitböden gebastelt und von Göttingen nach Hamburg transportiert.

Wir plauderten, lachten während er meinen Mittelfinger aufschnitt,  nach Resten des Splitters suchte, Antibiotika in den Cut einbrachte, alles dick mit Verbandsmaterial umwickelte. Schon länger habe ich keinen so kreativen und  humorvollen Menschen getroffen wie ihn. Es war, wie gesagt, die lustigste Operation aller Zeiten. Dennoch blieb ich bei meiner Abneigung gegen Arztpraxen und diskutierte mit ihm, das ich einen weiteren Besuch am Folgetag, nur zum Verbandswechsel und Wundkontrolle, für unnötig hielte. Er hätte doch sicher wichtigeres zu tun…

Hätte ich mal auf ihn gehört! Und richtig zugehört. Zwischen den lustigem Geplänkel erklärte er auch sehr sachlich, was da so los war. Wollte ich aber wohl nicht so genau wissen. Pffff so ein paar Bakterien in dieser Miniverletzung…pffff, da hatte ich ja nun echt schon schlimmeres hinter mir…

Tja, das diese Bakterien aus der Gartenerde alles zersetzen, was so in der Erde zersetzt werden soll, darüber hatte ich nicht wirklich nachgedacht. Schon gar nicht erwartet hätte ich, das diese Bakterien sich in meiner Hand so wohlfühlten, dass sie sich eifrig vermehrten und verbreiteten…..

Hätte ich mal auf ihn gehört

und wäre am nächsten Tag zum Verbandswechsel bei ihm in der Praxis erschienen! Hab ich aber dummerweise nicht und so wurde ich drei Tage später, Sonntags abends von unserem städtischen Krankenhaus mit einem  schwarzen Finger umgehend in eine Hamburger Spezialklinik verfrachtet. Die Nachfrage, wann ich das letzte Mal gegessen und getrunken hätte, machte mir klar, hier wird auf eine Vollnarkose vorbereitet.

Sorge machte mir auch der Name der Klinik. Irgendwie war das jetzt sehr Ernsthaft und gar nicht mehr witzig. Dennoch versuchte ich meinen Galgenhumor beizubehalten und mit der dortigen, diensthabenden  Handchirurgin einen ambulanten Aufenthalt zu diskutieren…… Dieser lieben Ärztin   platzte  dann irgendwann der Kragen: wir hätten jetzt keine Zeit mehr, ich müsse übrigens jetzt und sofort unterschreiben , das während der OP nicht nur die Hand, sondern ggf. der Arm bis zur Schulter amputiert werden müsse…… wie weit die Bakterien das Gewebe schon zerstört haben, sehe man erst wenn alles geöffnet sei, aber das die Bakterien schon bis zum Oberarm gewandert sind, das sieht sie jetzt schon. 

Der Schock saß ! Kann ich doch schon nicht mehr richtig laufen, aber die Vorstellung ohne rechte Hand????? Ich bin Rechtshänder, das geht nicht. Da geht ja dann gar nichts mehr….

 

Aufwachen wollte ich mit amputierter Hand nicht. Das habe ich auch genau so gesagt.

Bin dann am Folgetag doch aufgewacht. Auf einer Station für Brandverletzungen. Der erste Blick – da war ein Gipsarm rechts. Also kurze Erleichterung, ganz ab war die Hand nicht, nur was und wieviel weg geschnitten wurde, habe ich erst ein paar Stunden später beim ersten Verbandswechsel erfahren.

In meinem Leben gab es schon einige Krankenhaus Aufenthalte und viele OPs, aber  auf einer Brandverletztenstation , das ist nochmal was ganz anderes. Stellt es Euch ähnlich wie ein Hochsicherheitstrakt  vor, mit Schleusen, keimfrei! 

Der erste Verbandwechsel war der Horror. Der Stationsarzt fragte mich noch, mit was ich das nächtliche OP Team bestochen hätte, das die stundenlang jedes zerfressene Fitzelchen Gewebe  entfernt hätten, er hätte wohl gleich alles entfernt ( Fotos aus der zeit erspare ich Euch hier).

Ob das nun ausreicht, glaube er nicht und da  meine Hand nicht mal die Kunsthaut akzeptieren würde, sei die Amputation noch nicht vom Tisch. Wie oft und ob gleich heute noch mal operiert werden müsse, entscheidet sich im Laufe des Tages. So geht Mutmachen. Nicht. 

Genau so unsensibel ging er auch mit meiner Zimmernachbarin um. Eine zarte, alte Dame mit furchtbaren Verbrennungen. Deren Anblick, ihre Tapferkeit und ihre Stärke haben mich,  mit meiner blöden Hand echt lächerlich fühlen lassen.

Das Pflegepersonal war jedoch absolut das Gegenteil von den Ärzten, aufmerksam, super fürsorglich, sehr liebevoll zu meiner Bettnachbarin und auch motivierend. Außerdem kamen diese großartigen, engagierten  Menschen schon immer eine Stunde vor jedem Verbandswechsel, mit den netten Morphingaben vorbei, damit wir nicht allzuviel mitbekamen. So dämmerten wir die meiste Zeit der Tage schön duselig vor uns hin.

Dennoch – ich wollte hier weg. So schnell wie möglich! Also drängelte und nörgelte ich ordentlich. Nach Rücksprache mit der chirurgischen Praxis durfte ich nach einer Woche in deren ambulante Behandlung entlassen werden.

Yeah, dachte ich noch. Aber…..

Jeden Tag zum Handbaden, Verbände und Folien wechseln in die Praxis, das war gar nicht mehr lustig…. Es führte allerdings dazu, das ich meine Lieblingskrankenschwester kennenlernte. Wenn man jeden Tag gut 2 Stunden Zeit miteinander verbringt, ist das ja auch nicht schwer.

Vor Operationen hab ich keine Angst, aber vorm Fädenziehen und Pflaster entfernen.

Lächerlich ich weiß, aber diese Macke hab ich nun mal…. und meine Lieblingskrankenschwester musste echt leiden…. bei ca. 120 fest verknoteten, zum Teil eingewachsenen Fäden und unzähligen Wechseln von  Folien als Hautersatz. Aber sie hat tapfer durchgehalten, trotz meines Gemeckeres. Über Monate. Und ich bin ihr ewig dankbar. 

Ebenso wie ihren Kolleginnen und ihrem Chef. In den letzten 3 1/2 Jahren hab ich so viel Zeit dort verbracht, wie vermutlich sonst nirgendwo. Zwischendurch hat mich der Chef meiner Lieblingskrankenschwester mehrfach zurück in besagte Hamburger Spezialklinik überwiesen, aber die wollen nicht so, wie ich gern möchte. Als der Morbus Sudeck über Nacht meine Hand zu einem Orkähnlichem Körperteil anwachsen ließ, wollte man es dort, wenn überhaupt nur stationär und über mindestens 4 Wochen mit (ausschließlich) Psychopharmaka behandeln. Jemanden mit Sudeck operiert man nicht mehr. 

Alternativen gäbe es keine. Punkt! 

Stimmt nicht! Denn mit dem Chef meiner Lieblingskrankenschwester, seinem Team und den Anästhesisten von nebenan haben wir Wege gefunden, das einigermaßen in den Griff zu bekommen. Auch dank der Kreativität des Meisters der Orthopädie, der immer wieder neue Quengelschienen für mich baut, weil handelsübliche Hilfsmittel einfach nicht an die deformierte Hand passen, haben wir noch nicht aufgegeben. Neben Froschflosse, Puppenhand, diversen, Lagerungsschienen, Kompressionshandschuhen, Murphyringen, Neoprenzügen, arbeiten wir nun seit diesem Jahr mit Daumenschrauben. 

Natürlich heißen die Quengelschienen nicht wirklich Puppenhand, Froschflosse oder Daumenschrauben. 

 

Froschflosse 01

 

Froschflosse 02

Puppenhand 2015

Und lustig sind diese medizinischen Hilfsmittel auch nicht. Eher so gar nicht, dafür aber umso schmerzhafter. Doch  ohne meinen Galgenhumor und einige Wortkreative Freunde (die mich auch schnell mal zur „einarmigen Backditin“ ernannten, obwohl ich zwei Arme habe…!), ohne den Mut vom Chef meiner Lieblingskrankenschwester, doch nochmal das Risiko einzugehen, etwas Neues auszuprobieren, auch operativ…hätte ich vielleicht aufgegeben…

 

Aufgeben gilt nicht. Noch nicht.

Auch wenn ich das vor 3 1/2 Jahren fast getan hätte. Konnte  ich mir anfangs nicht mal die Socken allein anziehen (eigentlich gar nichts, nur mit der linken Hand, alleine anziehen),  nicht allein im Rolli von A nach B rollern, mir nicht mal was zu essen machen usw., backe & bastle ich inzwischen wieder Törtchen, trage Kaffeebecher auf die Terrasse  – MIT der kaputten Hand ( auch wenn ich viele Kaffeebecher inzwischen zerdeppert hab), koche wieder leidenschaftlich gern und bin auch wieder unterwegs. Sogar schreiben kann ich inzwischen etwas, mit Links.

 

Ja ich weiß, das die Hand nie wieder richtig funktionieren kann,

aber ich werde nicht der Empfehlung der Hamburger folgen und lernen den jetzigen Zustand „so annehmen und akzeptieren“. Die Hand in Schonhaltung  auf den Schoß legen, würde nur bedeuten, das die Entkalkung der Knochen durch den Sudeck schneller voranschreitet als bisher schon passiert. Das gilt es auszubremsen. Und je mehr ich den Arm benutze um so weniger entkalken die Knochen. Den Daumen kann ich schon ganz gut nutzen, allerdings war der auch nicht so schlimm betroffen, wie die anderen 4 Finger. 

Zuckerrose an Daumenschrauben

Mein Ziel ist es wenigstens den Zeigefinger wieder etwas in eine richtige Beugung zu bekommen, vielleicht ein paar Grad Beweglichkeit (das wäre ein Traum). Dann können meinetwegen auch die restlichen 3 Finger in/mit ihrer Schwanenhalsdeformation glücklich, steif, in die falsche Richtung abstehen… Aber Daumen und Zeigefinger möchte ich wieder, wenigstens ein kleines , ein klitzekleines bisschen kontrollieren können.

Daran arbeiten wir.

Der Chef meiner Lieblingskrankenschwester, seine Lieblingskrankenschwestern und ich. Und deswegen gilt der Deal, das der Chef meiner Lieblingskrankenschwester weiterhin seine Geburtstagstorte von mir bekommt. Lebenslang.

Rotwein Torte 2015

Jimi Hendrix alte Fender 2016

 

Zwischendurch ein Weihnachtstörtchen für die Praxis

Weihnachtstörtchen 2016 der Elf und seine 6 Helferlein

Der Elf und die 6 Rentiere ….

 

 

Oder die Geburtstagstorte k9mmt zu Weihnachten, weil es in dem Sommer gar nicht klappte…

Handknochen aus Modelierschokolade 2017 – man soll sich seinen Ängsten stellen, so habe ich mir jeden Knochen der rechten Hand einzeln vorgenommen und aus Modelierschokolade geformt.

 

 

 

Dies Jahr gab es gab es den Herrn Doktor persönlich – aus Zucker . Mehr dazu hier LINK

Mein Tip, meine Bitte an Euch:

wenn Ihr Euch im Garten verletzt , sei es ein noch so kleiner Kratzer – Bitte wascht das gründlich aus. Desinfiziert es umfangreich. Sollte ein Splitter, ein Rosendorn stecken geblieben sein, bitte puhlt den nicht selber heraus.

Und – ganz wichtig: sollte sich die Stelle auch nur ansatzweise entzünden – geht sofort zu einem Arzt! Wartet nicht bis der Schmerz zu groß wird.  Das gleiche gilt übrigens auch bei Katzenbissen. Mit etwas Antibiotikum, frühzeitig, erspart man sich solche Folgen wie bei mir.

Übrigens – diese Bakterien führen, unbehandelt, zu einer Sepsis oder Blutvergiftung und können tödlich enden.

 

link dazu: https://www.chirurgie-portal.de/haut-dermatologie/phlegmone/v-phlegmone.html

der Chef und sein Kuchen 2018